Warum Diesel schneller teuerer wird als Benzin

Wer dieser Tage an der Zapfsäule steht, traut seinen Augen kaum: Über zwei Euro für einen Liter Diesel sind in Österreich inzwischen Realität. Doch was steckt hinter diesem Preissprung? Und warum verteuert sich Diesel so viel rasanter als Superbenzin?

Der Auslöser: Krieg im Iran und die Straße von Hormus

Seit Ende Februar 2026 eskaliert ein militärischer Konflikt im Iran und die Folgen sind an jeder Tankstelle zu spüren. Der Grund liegt in der Geografie: Durch die Straße von Hormus, eine nur 33 Kilometer schmale Meerenge zwischen Iran und Oman, wird täglich rund ein Fünftel der globalen Öllieferungen abgewickelt. Der Iran hat den Schiffsverkehr dort seit Kriegsbeginn eingeschränkt – und das reicht, um die Weltmärkte in Aufruhr zu versetzen.

Der Rohölpreis der Sorte Brent sprang innerhalb weniger Tage von rund 72 US-Dollar pro Barrel auf zeitweise über 120 US-Dollar. Das entspricht einem Anstieg von fast 70 Prozent. In Österreich schlugen sich diese Verwerfungen schnell an der Zapfsäule nieder: Der durchschnittliche Dieselpreis stieg von rund 1,48 Euro im Jänner auf über 2,10 Euro Ende März 2026, was einem Plus von rund 25 Prozent seit Kriegsbeginn entspricht.

Warum Diesel schneller und stärker steigt als Benzin

Dass Diesel sensibler auf Krisen reagiert als Superbenzin, ist kein Zufall. Mehrere Faktoren wirken hier zusammen:

1. Diesel und Heizöl konkurrieren um dasselbe Vorprodukt

Diesel wird in Raffinerien aus sogenanntem Gasoil hergestellt, demselben Vorprodukt wie Heizöl. In Krisenzeiten steigt der Bedarf an beiden gleichzeitig: Industrie und Haushalte wollen bevorraten, die Nachfrage explodiert. Die Preise für Gasoil stiegen seit Kriegsbeginn um rund 30 Prozent, obwohl die tatsächlichen Lagerbestände auf normalem Niveau lagen. Benzin teilt dieses Vorprodukt nicht, weshalb es weniger stark unter Druck gerät.

2. Der Nahe Osten liefert fertigen Diesel

Europa bezieht nicht nur Rohöl aus der Golfregion, sondern auch fertig raffinierten Dieselkraftstoff. Mit dem Krieg fällt diese Lieferquelle teilweise aus. Benzin hingegen wird in Europa weitgehend selbst produziert. Heimische Raffinerien decken den Bedarf nahezu vollständig. Diese Abhängigkeit macht Diesel anfälliger für geopolitische Erschütterungen.

3. Konzerne weiten Margen gezielt aus

Ein Teil des Preisanstiegs lässt sich nicht allein mit gestiegenen Rohstoffkosten erklären. Kritiker, darunter Greenpeace und mehrere Energiemarktexperten, beobachten, dass Ölkonzerne die Marktnervosität nutzen, um ihre Gewinnmargen auszuweiten. Der Sprit, der heute verkauft wird, wurde oft noch zu Vorkriegspreisen eingekauft und raffiniert. Laut einer Greenpeace-Studie summieren sich die Übergewinne auf rund 21 Millionen Euro täglich allein in Deutschland. Besonders deutlich zeigt sich dieses Muster beim Diesel, dessen Preis weit stärker gestiegen ist als der des zugrundeliegenden Rohöls.

4. Die Nachfrage nach Diesel ist unflexibler

Lkw, Busse, Baumaschinen, Traktoren fahren in der Regel mit Diesel und können nicht einfach auf eine Alternative umsteigen. Die Nachfrage bleibt also auch bei hohen Preisen stabil, was den Konzernen wenig Anreiz gibt, die Preise zu mäßigen. Benzinfahrer haben zumindest theoretisch mehr Spielraum: Sie können seltener fahren, Fahrgemeinschaften bilden oder auf öffentliche Verkehrsmittel ausweichen. Diese Unelastizität der Diesel-Nachfrage macht ihn zum bevorzugten Ziel für Preisaufschläge in Krisenzeiten.

5. Diesel war strukturell schon teurer geworden

Der aktuelle Preisschock trifft auf einen Markt, der ohnehin schon unter Druck stand. Seit 2022 ist in Österreich eine stufenweise CO₂-Bepreisung in Kraft, die 2025 einen Aufschlag von rund 16,5 Cent pro Liter Diesel bedeutet. Der einst typische Preisvorteil gegenüber Benzin ist damit längst Geschichte: 2025 war Diesel bereits das vierte Jahr in Folge teurer als Super.

Was die Politik tut

Angesichts der explodierten Preise reagieren europäische Regierungen mit unterschiedlichen Maßnahmen. Österreich hat ein Paket beschlossen, das die Preise um rund zehn Cent pro Liter senken soll. Das soll durch Begrenzung der Mehrwertsteuereinnahmen aus dem Preisanstieg und der Möglichkeit, außergewöhnliche Margenerhöhungen entlang der Lieferkette temporär einzufrieren, gelingen. Die IEA koordiniert zudem die Freigabe nationaler Ölreserven, um die Märkte zu beruhigen.

Der ÖAMTC kritisierte die heimische Maßnahme als zu zaghaft: Zehn Cent seien „angesichts der aktuellen Spritpreise kein großer Wurf.“

Die hohen Dieselpreise sind das Ergebnis mehrerer sich überlagernder Faktoren: ein geopolitischer Schock, der die wichtigste Öldurchfahrtsstraße der Welt lahmlegt; eine strukturelle Abhängigkeit von Dieselimporten aus der Krisenregion; eine unflexible Nachfrage, die keine schnelle Anpassung zulässt; und Gewinnmitnahmen von Konzernen, die die Marktunsicherheit zu ihren Gunsten nutzen. Wie lange der Preisdruck anhält, hängt vor allem davon ab, wie sich der Konflikt im Nahen Osten entwickelt.